Medium 7 [Juni 2001]
Herzinfarkt - Was tun?
Autor: Dr. med. Djafar Nowzohour
Oberarzt der Abteilung Innere Medizin
Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie

In der Märzausgabe 2001 von „Medium“ erläuterte ich die Symptome eines Herzinfarktes sowie die immense Bedeutung von dessen frühzeitiger Behandlung. Nachfolgend fasse ich die dort benannten Inhalte noch einmal kurz zusammen.
 
Die Symptome eines Herzinfarktes sind:

Für ein erhöhtes Herzinfarktrisiko sorgen vor allem:

Was tun? 112 wählen (Notruf der Feuerwehr). Die Notfallbehandlung eines Herzinfarktes

Die Behandlung eines Herzinfarktes im Krankenhaus erfolgt in zwei Phasen:
 
Phase 1 (Intensivstation)
Da die meisten tödlichen Komplikatonen eines Herzinfarktes in den ersten 48 Stunden auftreten, ist eine Intensivüberwachung des Patienten lebensrettend. Seit der Einführung der Intensivtherapiestation in den 60-er Jahren ist die Krankenhaussterblichkeit der Infarktpatienten von 33 % auf 22 % zurückgegangen. Innerhalb der ersten vier Stunden kommt es in erster Linie auf die schnelle Wiedereröffnung des Infarktgefäßes an. Dafür haben sich zwei Methoden als sehr effektiv etabliert: die medikamentöse Lysebehandlung und die Gefäßeröffnung mit Ballonkatheter. Die Vorteile der medikamentösen Lysebehandlung liegen darin, dass das Medikament bereits beim Patienten in der Wohnung mit wenig Aufwand verabreicht werden kann. Diese Behandlung ist praktisch zu jeder Zeit möglich und effektiv. Sie hat allerdings keinen Nutzen bei Infarkten, die bereits länger als sechs Stunden zurückliegen. Außerdem wird sie nicht angewandt bei Patienten mit einer erhöhten Blutungsneigung (nach einer gerade erfolgten Operation oder bei Verletzung, bei Magengeschwür u. a.). Bei anderen Patienten liegt die Gefahr einer größeren Blutung bei einem Prozent. Die Gefäßeröffnung mit Ballonkatheter (PTCA) kann bei fast allen Patienten ohne zeitliches Limit mit der sehr hohen Erfolgsrate von 90 bis 95 Prozent eingesetzt werden (Goldstandard). Erforderlich hierfür ist jedoch eine sehr aufwendige und teure technische Ausrüstung, die nicht in jedem Krankenhaus verfügbar ist. Zum Teil ist die Behandlung auch mit erheblichen zeitlichen Verzögerungen verbunden. Schwere Komplikationen bewegen sich wie bei der medikamentösen Lysebehandlung nur um ca. 1 Prozent. Bei einer sehr kleinen Zahl von Patienten liegt eine schwere Durchblutungsstörung aller drei Herzkranzgefäße vor, so dass hier der Einsatz des Ballonkatheters mit sehr hohem Risiko verbunden wäre. In diesem Falle werden die Patienten an den Herzchirurgen zur Bypass-Operation überwiesen. Als ein kurzes Fazit lässt sich sagen, dass die Kombination beider genannter Methoden optimal ist. Es bedarf allerdings noch erheblicher Arbeit bei der Information der Öffentlichkeit, denn nicht selten existieren nicht nachvollziehbare Vorbehalte gegen den Herzkatheter. Dem muss man entgegenhalten, dass Patienten mit einem erfolgreich eröffneten Herzgefäß weitaus weniger Komplikationen bei einem zugleich kürzeren Krankenhausaufenthalt erleben. Die Belastbarkeit bzw. die Lebensqualität dieser Patienten bleibt nachhaltig besser, und sie leben länger. Seit der Etablierung dieser Behandlungsmethoden ist die Krankenhaussterblichkeit der Infarktpatienten weiter von 22 auf 13 Prozent zurückgegangen.
 
Phase 2 (Normalstation mit Mobilisation)
In der Regel können die meisten Patienten nach 2 Tagen die Intensivstation verlassen. Auf der sogenannten Normalstation findet die langsame Mobilisation sowie die Einstellung der Medikation statt. Die Dauerbehandlung eines Infarktpatienten mit Azetysalizylsäure (ASS 100) in Kombination mit einem Beta-Blocker senkt das Risiko eines plötzlichen Herztodes sowie eines erneuten Herzinfarktes effektiv und nachhaltig herab. Diese Medikamente dürfen praktisch bei keinem Infarktpatienten fehlen. Abschließend wird die Herzleistung anhand des Herzultraschall (Echokardiogramm) und die Belastbarkeit des Patienten mittels Fahrradergometer beurteilt. In diesen Untersuchungen macht der Arzt die Hochrisikopatienten ausfindig. Zu ihnen gehören Personen mit eingeschränkter Herzleistung bei einer großen Infarktnarbe und/oder Herzrhythmusstörungen. Diese Gruppe von Patienten bedarf engmaschiger ambulanter Betreuung durch den Hausarzt in Zusammenarbeit mit dem Kardiologen. Heute liegt der durchschnittliche Krankenhausaufenthalt des Infarktpatienten bei sieben bis zu zehn Tagen. Jedem Infarktpatienten empfehlen wir eine ambulante oder stationäre Anschlussheilbehandlung. Dort erhalten sie neben einem Belastungstraining nach einem individuellen Aufbauplan auch wertvolle Lehrseminare in Sachen gesunder Ernährung, Raucherentwöhnung, Gewichtsabnahme usw. Es ist leider eine traurige Erkenntnis, dass die Hälfte der Infarktpatienten nach einem halben Jahr wieder mit dem Rauchen beginnt und die Medikamente nicht oder nur unregelmäßig einnimmt. Die Anmeldung für die Rehabilitationsbehandlung erfolgt durch den Sozialdienst des Krankenhauses. Im Optimalfalle sollte der Patient sieben bis zehn Tage nach der Krankenhausentlassung die Anschlussheilbehandlung antreten.
Abschließend möchte ich zusammenfassen:

  1. Die Symptome eines Herzinfarktes müssen ernst genommen werden. Frühzeitige professionelle Hilfe (Telefon 112) ist lebensrettend.
  2. Die Risiokofaktoren lassen sich in eigener Verantwortung reduzieren (Raucherentwöhnung, fettarme Ernährung, mehr Bewegung).
  3. Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute. Ein schnellstmöglicher Einsatz von Lysetherapie und/oder Ballonkatheter ist geboten.
  4. Wichtig für die Behandlung ist die optimale medikamentöse Einstellung (ASS 100, Beta-Blocker, Cholesterinsenker u. a.) und die Disziplin der Patienten bei der Einnahme der Medikamente.
  5. Es empfiehlt sich die Teilnahme an ambulanter oder stationärer Anschlussheilbehandlung.
  6. Risikopatienten sollten einen Arztbericht sowie einen Nothilfepass (EKG) stets bei sich tragen.

Vor 20 Jahren lag die Krankenhaussterblichkeit noch bei 30%. Der immense medizinische Fortschritt bei der Herzinfarktbehandlung hat dafür gesorgt, dass von 100 Infarktpatienten, die das Krankenhaus lebend erreichen, nur noch 7 bis 10 Prozent daran sterben. Der medizinische Fortschritt aber ist nicht alles. Ebenso wichtig ist allerdings der Wille der Patienten, die ihnen gebotenen Möglichkeiten der Behandlung und Nachbehandlung im Sinne seiner verbesserten Gesundheit zu nutzen.