Medium 30 [März 2007]

Gutartige Schiddrüsenerkrankungen
und deren chirurgische Behandlung

Dr. med. Michael Stöhr
Oberarzt der Abteilung Allgemein-, Visceral- und Unfallchirurgie – Minimalinvasive Chirurgie

 

Die Schilddrüse, die im unteren Halsbereich liegt, hat eine nur geringe Größe und wiegt lediglich 15 bis 20 Gramm, aber sie hat für den menschlichen Organismus eine lebenswichtige Aufgabe. Sie produziert und setzt Hormone frei, die viele Stoffwechselprozesse beeinflussen und außerdem am Eiweißaufbau und am Wachstum von Knochen und Muskelgewebe beteiligt sind.

Schilddrüsenerkrankungen sind eine Volkskrankheit. Eine groß angelegte Bevölkerungsstudie in Deutschland ergab unter anderem, dass jeder dritte Erwachsene krankhafte Veränderungen an der Schilddrüse hat, von denen er bisher nichts wusste. Am häufigsten ist eine vergrößerte Schilddrüse. Ursache dafür ist meist chronischer Jodmangel, besonders in der Pubertät und Schwangerschaft, wo der Organismus mehr Jod als gewöhnlich benötigt, sowie Entzündungen und bösartige Entartungen.

In unserer Klinik werden zahlreiche Schilddrüsenoperationen durchgeführt. Ob operiert werden muss, entscheidet eine Basisdiagnostik: Neben dem Gespräch mit dem Patienten über seine aktuellen Beschwerden oder seine Ernährungsgewohnheiten erfolgen eine körperliche Untersuchung, eine Blutentnahme zur Bestimmung der Schilddrüsenhormone und eine Ultraschalluntersuchung, um die exakte Größe der Schilddrüse und deren Veränderungen festzustellen.

Diese Veränderungen können beispielsweise knotenförmig sein. Beim Nachweis von Knoten lassen sich durch die Szintigraphie – eine Methode, die die Speicherung in den Körper gebrachter ungefährlicher radioaktiver Substanzen misst – Bezirke verminderter oder gesteigerter Aktivität der Schilddrüse („kalte“ oder „warme“ Knoten) feststellen. Je nach Grundkrankheit und Ausmaß der Erkrankung erfolgt die Behandlung: konservativ (abwartend), medikamentös, nuklearmedizinisch (Bestrahlung) oder operativ. Sollte operiert werden müssen, wird vorher auch die Funktion der Stimmbänder von einem Hals-Nasen- Ohren-Arzt untersucht. So könnte in unmittelbarer Nachbarschaft der Schilddrüse bereits ein Kehlkopfnerv (Recurrensnerv) in Mitleidenschaft gezogen worden sein (was zu Heiserkeit führt).

Verfahrenswahl und Operationstechnik

Eine Folge von Jodmangel ist die Vergrößerung der Schilddrüse (Struma). Wenn die Struma bereits zu einer Einengung der Luftröhre, einer heiseren Stimme, zu Atem- und Schluckbeschwerden geführt hat oder kosmetisch stört, ist die Operation geboten. Zugleich wird natürlich jeder Verdacht auf eine bösartige Entartung durch eine Untersuchung des Gewebes durch Punktion oder Operation (mit Untersuchung des Gewebes) geklärt.

.Obwohl die Schilddrüse ansonsten nur ein kleines Organ ist, muss der Chirurg bei der Operation auf viele Besonderheiten achten: Zum einen sind es die vier kräftigen Arterien, die das Gewebe mit sauerstoffreichem Blut versorgen. Zum anderen muss der Verlauf des Recurrensnervs genau beachtet werden, um mögliche Komplikationen bei der Operation zu vermeiden. Eine Schädigung dieses Nervs würde zur Lähmung der Stimmlippe und damit zur Störung der Stimme und der Sprache führen. Außerdem befinden sich meist in der unmittelbaren Nachbarschaft der Schilddrüse vier Nebenschilddrüsen, die für den Calcium- und Phosphatstoffwechsel verantwortlich sind. Sie müssen bei einer Schilddrüsenoperation sorgfältig geschont werden.

Bei der üblichen Operationsmethode wird eine möglichst unauffällige Narbe angestrebt. Mit einem Schnitt am Hals oberhalb der Halsgrube (Kocher-Kragenschnitt) wird eine Halsbeugefalte für den kurzen Schnitt von etwa vier bis fünf Zentimetern Länge benutzt.

Vereinzelt berichten die Medien über minimalinvasive Chirurgie (Schlüssellochchirurgie). Dabei werden die Operationsinstrumente und eine Kamera über Schnitte am Hals oder alternativ an den Rändern der Brustwarzen und der Achselhöhle eingebracht. Das kosmetische Ergebnis – der am häufigsten angeführte Vorteil der Schlüssellochchirurgie – unterscheidet sich allerdings gegenüber dem Kocher-Kragenschnitt nur wenig. Die minimalinvasive Schilddrüsenchirurgie kann auch nur bei einem kleinen Teil der Schilddrüsenerkrankungen – vor allem bei kleinen, möglichst einseitigen Knoten – angewendet werden. So bleibt als Hauptargument für die Schlüssellochtechnik nur die Narbe. Aber auch beim Kragenschnitt wird die Wunde mit selbstauflösenden Fäden und einer kosmetisch unauffälligen Nahtmethode verschlossen, sodass jeder seinen Hals mit einer weitgehend unauffälligen Narbe herzeigen kann. Auch bei der Länge des Krankenhausaufenthaltes von etwa drei bis sechs Tagen gibt es keine Unterschiede.

Wenn Teile der erkrankten Schilddrüse entfernt werden müssen, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Entscheidung: Entweder nur die Resektion eines Knotens, die Entfernung von größeren Teilen der Schilddrüsenlappen – wobei so viel gesundes Schilddrüsengewebe wie möglich erhalten wird –, und erforderlichenfalls die komplette Entfernung eines oder beider Schilddrüsenlappen.

Natürlich werden vor dem Eingriff alle Operationsmöglichkeiten, aber auch die Risiken, mit den Patienten genau besprochen. Doch manchmal stellt sich das Bild während der Operation anders dar. Die Erfahrung des Operateurs und damit die Wahl des Resektionsverfahrens während der Operation haben entscheidende Bedeutung für ein gutes Endergebnis, weil das Ausmaß der Operation individuell erfolgen muss. Um erneute Knotenbildung zu vermeiden, ist eine sichere Entfernung krankhafter Schilddrüsenanteile beim Ersteingriff am wichtigsten.

Eine Schädigung des schon genannten Kehlkopfnervs in Nachbarschaft der Schilddrüse führt zur Stimmstörung. Um diesen Nerv während der Operation zu schonen, haben die Chirurgen in unserer Klinik hochmoderne Hilfsmittel: zum einen eine Lupenbrille, zum anderen die Beobachtung des Nervs per Monitor – inklusive akustischer Warnsignale. Diese noch relativ neue Methode ist eine technische Meisterleistung und bringt für den Patienten ein hohes Maß an Sicherheit.

Die Behandlung nach der Operation

Die medikamentöse Therapie nach der Operation mit Jod, Jod/Schilddrüsenhormon oder nur Schilddrüsenhormon muss stets individuell angepasst werden. Die Behandlung hängt davon ab, wie viel gesundes Schilddrüsengewebe belassen werden konnte. Eine erste Hormon-Kontrolluntersuchung ist nach Ablauf von sechs Wochen sinnvoll. Weitere Kontrollen müssen nach drei bis sechs Monaten, im Anschluss daran in jährlichen Abständen, erfolgen.

 

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