Medium 22 [März 2005]

Der Schlaganfall – eine frühe Behandlung zeigt Erfolge

Dr. med. Edelgard Knaak
Fachärztin der Abteilung Innere Medizin

 
Schlaganfall – ein Wort, das bei vielen Menschen Furcht auslöst. Der Verlust von Bewegung, Sprache, Einbußen der geistigen Leistungsfähigkeit, Abhängigkeit von fremder Hilfe und schließlich Pflegebedürftigkeit sind Ängste, die mit der Vorstellung vom Schlaganfall einhergehen. Auch in der Medizin begegnete man diesem Krankheitsbild viele Jahre mit Resignation und Hilflosigkeit.

 

Neuere Ergebnisse der Hirnforschung haben jedoch diese Einstellung widerlegt: Schnelle medizinische Maßnahmen in der Akutphase und konsequente Rehabilitation eröffnet den Patienten Möglichkeiten, die körperlichen und geistigen Defizite zu minimieren oder mit ihnen aktiv leben zu lernen.

In Deutschland erleiden jährlich ca. 200 000 Menschen einen Schlaganfall. Meist handelt es sich überwiegend um Durchblutungsstörungen in bestimmten Gebieten des Gehirns. Eine andere Ursache sind plötzlich einsetzende Gehirnblutungen, seltener sind Tumore für die Symptomatik verantwortlich.

Die Folge eines Schlaganfalls ist die plötzliche Unterbrechung der normalen Hirndurchblutung – mit nachfolgendem Sauerstoffmangel und einsetzenden Störungen des Zellstoffwechsels bis hin zum Untergang von Hirnzellen. Es entsteht das klinische Bild eines Schlaganfalls.

Überwiegend gehen die Symptome Lähmung einer Körperseite, Sprachstörungen, Blickabweichung zur Gegenseite und Gesichtsnervenlähmung mit typisch hängendem Mundwinkel, Schwindel, Bewusstseinstrübungen und Sehstörungen einher.

Bei einer derartigen Symptomatik ist Eile geboten, denn, wie es im englischen Fachjargon heißt: Time is brain (Zeit ist Hirn). Das Gehirn ist extrem anfällig für Sauerstoffmangel. Es ist nachgewiesen, dass die umgebende Zone des geschädigten Hirngewebes noch gerettet werden kann, wenn frühzeitig die Durchblutung wieder hergestellt wird.

Daher gehört der Patient umgehend in eine Klinik. Die Angehörigen oder Nachbarn sollten auf keinen Fall längere Zeit warten. Am schnellsten und mit der höchsten Fachkompetenz ist Hilfe über den Notruf des Rettungsdienstes der Berliner Feuerwehr 112 möglich. Bereits in der Anfangsphase wird das Krankheitsbild vom Rettungsdienstpersonal erkannt, und es unternimmt wesentliche Erstuntersuchungen und -maßnahmen (Blutdruckmessung, Bestimmung des Blutzuckers, Sauerstoffgabe, richtige Lagerung des Patienten). Ist der Notarzt dazu gerufen worden, gehören eine EKG-Aufzeichnung, die Abnahme von Blut zur schnellen Untersuchung im Krankenhaus und die Gabe einer Elektrolytinfusion zum Standard. So können bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Vorbereitungen für die sofortige weitere Diagnostik und Behandlung eingeleitet werden.

 

In unsere Klinik kommen die Patienten zuerst über die Rettungsstelle. Bereits hier werden eine Basisdiagnostik neben der Erstuntersuchung durch den diensthabenden Internisten und wesentliche Therapiemaßnahmen durchgeführt. So wird genau auf die Lagerung des Patienten geachtet, da eine Hochlagerung des Oberkörpers die Verstärkung einer Hirnschwellung verhindert. Die betroffene Seite muss möglichst schonend gelagert werden, um Mikroverletzungen besonders der Schulter zu vermeiden.

Neben den Parametern Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffsättigung wird auch die Körpertemperatur gemessen. Bei Fieber wird sie medikamentös gesenkt. Das EKG gibt Auskunft über Rhythmusstörungen und damit über die mögliche Entstehungsursache eines Schlaganfalles. Laboruntersuchungen zeigen pathologische Zustände an. Insbesondere muss eine mögliche Hyperglykämie mit Insulingaben normalisiert werden, da sie die Situation im betroffenen Hirnareal verschlechtert. Natürlich wird auch eine Hypoglykämie ausgeglichen. Weiterhin wird umgehend ein Computertomogramm des Gehirns erstellt, um Aufschluss über Lokalisation, Ausmaß und Art der Schädigung zu erhalten, um zwischen einer Ischämie und einer Blutung unterscheiden zu können. Bei einer Blutung erfolgt eine Rücksprache mit einem neurochirurgischen Facharzt und ggf. die Verlegung des Patienten für eine Operation.

 

Die Zeit spielt eine wichtige Rolle. Nur bis zu fünf Prozent der Patienten mit typischen Schlaganfallsymptomen erreichen die Klinik innerhalb eines Zeitfensters von ein bis zwei Stunden. Im Falle einer Ischämie im Computertomogramm kann hier eine aggressive Therapie mit Thrombolyse die Prognose deutlich verbessern. Diese Patienten müssen dann unverzüglich auf eine so genannte Schlaganfall-Intensivstation (Stroke unit) verlegt werden. In unserem Haus ist rund um die Uhr eine rasche Befundung durch erfahrene Fachärzte, auch in Zusammenarbeit mit dem radiologischen Zentrum der Charité, gewährleistet. Echokardiographie und Ultraschallduplex-Untersuchung der Halsgefäße sind weitere diagnostische Maßnahmen, die im Regelfall innerhalb der nächsten zwei bis drei Tage durchgeführt werden. Hier wird nach Herzerkrankungen gesucht bzw. nach einer Verengung derjenigen Arterien, die den Hirnkreislauf versorgen. Bei entsprechenden Befunden wird danach die Entscheidung für eine spätere Behandlung mit blutverdünnenden Medikamenten oder für einen gefäßchirurgischen Eingriff getroffen. Die Aufnahme auf die Intensivstation erfolgt in jedem Fall bei schwerer allgemeiner Beeinträchtigung, Bewusstseinsstörungen und bei komplizierenden Begleiterkrankungen. Bei Aufnahme auf die so genannte Normalstation werden alle (Basis-)Maßnahmen fortgesetzt und im Rahmen der akuten Behandlungsphasen alle Schlaganfallpatienten einem Facharzt der Neurologie, bedarfsweise auch der Psychiatrie vorgestellt. Der Behandlungsplan wird mit den Kollegen gemeinsam vereinbart.

 

Die Mitarbeiter der Abteilung Physiotherapie verfügen über solide Fachkenntnisse der funktionellen Therapie nach Bobath. Es ist nicht übertrieben, wenn sie behaupten, dass mit dieser Methode Lahme wieder laufen und Autofahren lernen können. Sogar ein Skiläufer, der völlig gelähmt war, konnte wieder seinem Hobby nachgehen. Dazu ist natürlich über einen langen Zeitraum ein eiserner Wille des Patienten und die Hilfe der Angehörigen Voraussetzung.

Die frühe funktionelle Therapie bedeutet Aktivierung des Gehirns, um die geschädigten Bereiche durch Training ersetzen zu können, heißt auch den Patienten zu ermutigen, dass Hoffnung auf Besserung besteht. Bei Sprach- und Schluckstörungen behandelt eine Logopädin die Patienten.

 

Die Abklärung der häuslichen Situation, wöchentliche Teambesprechungen zwischen dem Pflegefachpersonal, Ärzten, Physiotherapeuten und Sozialarbeitern des Sozialdienstes ermöglichen eine individuelle patientengerechte Vorbereitung der Rehabilitation, erste Ermittlung des Hilfsmittelbedarfs und die Zusammenarbeit mit den Angehörigen. Wir wissen, dass für die Angehörigen Informationen über die Situation des Patienten, die Pflegemöglichkeiten sowie finanzielle und organisatorische Hilfen sehr wichtig sind. Wir als Ärzte, aber auch die Kollegen anderer Berufsgruppen, sind bemüht, den Angehörigen ausreichende Auskünfte und Hilfe anzubieten.

Durch die komplexe frühzeitig eingesetzte Behandlungsweise konnte in den letzten Jahren die Chance eines Schlaganfallpatienten deutlich verbessert werden, neurologische Schäden zu verringern und gleichzeitig ein Leben mit möglichst viel Selbständigkeit zu führen.

 

 

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