Medium 21 [Dezember 2004]

Die Geburt

Klinikgeburt in Harmonie und Sicherheit

Dr. med.Lothar Karger
Chefarzt der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe


In den letzten Jahren – so sind auch die Erfahrungen in unserer Klinik – ist eine Diskussion über alternative Entbindungsformen entfacht. Schwangere suchen neue Formen des Gebärens, freiberufliche Hebammen, die seit den 50er und 60er Jahren im letzten Jahrhundert fast verschwunden waren, sind wieder gefragt. Unterschiedliche, ja gegensätzliche Interessen tragen dazu bei, die bisherige Ordnung des Gebärens in Frage zu stellen. Krankenversicherungen und Gesundheitspolitiker drängen auf Senkung der Kosten, Hebammen kämpfen zunehmend für die Eigenständigkeit ihres Berufes, und Schwangere wollen nicht Objekt einer klinisch- technischen Apparatemedizin sein. Diese führte jedoch in den letzten Jahrzehnten entscheidend zur kontinuierlichen Verbesserung hinsichtlich Mütter- und Säuglingssterblichkeit und perinataler Sterblichkeit. Deutschland nimmt in der Geburtshilfe weltweit einen Spitzenplatz ein.

 

Allen liegt die Sicherheit von Mutter und Kind am Herzen.

Hat sich bis in das 19. Jahrhundert die Geburt vornehmlich im häuslichen Milieu abgespielt, so erfolgte mit Beginn der Neuzeit und der Etablierung der Geburtshilfe als selbstständiges medizinisches Fachgebiet das Gebären zunehmend nicht mehr unter der alleinigen Obhut der Hebamme, sondern unter ärztlicher Leitung in der Klinik (Entbindungsanstalt). Eine der ersten Entbindungsanstalten, die in Deutschland gegründet wurden, befand sich 1751 in Göttingen und war dort Teil der Universität unter Leitung von Johann Georg Roederer (1726-1763), dessen Name noch heute jedem Geburtshelfer bekannt ist.

Anfangs galt es noch lange Zeit als Zeichen von Armut oder Schande, in einer derartigen Einrichtung zu gebären (die gefallenen Mädchen gebaren hier), denn die Entbindungsanstalten bzw. Gebärhäuser dienten zum Teil dem Unterricht für Hebammen. Die Entwicklung zur Klinikgeburt aber konnte insgesamt nicht aufgehalten werden.

Nach der Jahrhundertwende bürgerte sich die Geburt in der Klinik auch bei den wohlhabenden Frauen der Mittelschicht ein, und die Gebärende, die der Geburt als etwas Unfassbarem entgegensah, dem sie sich zunehmend hilflos ausgeliefert fühlte, wurde zur Patientin – umgeben von Arzt, Hebamme und Krankenschwester. Der Ehemann blieb draußen vor der Tür und sah hilflos in freudiger Erwartung dem Ereignis der Geburt entgegen. Die Frauen fühlten sich jedoch zunehmend in der ungewohnten Krankenhausumgebung einsam und isoliert. Der Einsatz von immer mehr Medizintechnik im Kreißsaal ließ bei vielen Gebärenden das Gefühl der Entmündigung und als Reaktion die Hinwendung zur natürlichen Geburt entstehen.

Seit etwa 1980 vollzieht sich nun dieser Trend zur außerklinischen Geburt als Alternative zur Klinikentbindung. 2001 erfolgten in Berlin 4,1 Prozent der Geburten außerhalb von Frauenkliniken (Geburten insgesamt in Berlin: 2000: 30.853, 2003: 30.015).

Das Ziel der Geburtshilfe in unserer Klinik ist neben einer optimalen Schwangerenbetreuung die sichere Entbindung in emotionaler Ausgewogenheit. Die geburtsmedizinischen Erfolge, die wir heute verzeichnen können, sind natürlich auch eine Folge medizintechnischer Fortschritte.

 

Wir haben moderne Überwachungsmethoden (CTG, Mikroblutuntersuchung, Ultraschall, Doppler etc.) eingeführt, bieten schmerzlindernde bzw.schmerzausschaltende Methoden an (Periduralanästhesie), haben die organisatorischen und baulichen Voraussetzungen für ein schnelles Eingreifen in Notfallsituationen (Möglichkeit der Durchführung eines sofortigen Kaiserschnittes) geschaffen. Das alles sind die Grundlagen für die gute Arbeit, die im Kreißsaal unserer Klinik geleistet wird.

Wesentliche Bedürfnisse, Erwartungen und Aspekte der schwangeren Frauen und ihrer Partner im Zusammenhang mit dem Ereignis Geburt fragen wir ab, um sie berücksichtigen zu können. Diese Situation führte in den letzten Jahren zu einem Umdenken in unserer geburtshilflichen Abteilung. Ziel ist es, unter Klinikbedingungen – ohne Verzicht auf Sicherheit – dem Bedürfnis auf Selbstbeteiligung der Frau an den Vorgängen und den im Verlauf der Geburt notwendig zu treffenden Entscheidungen Rechnung zu tragen. Wir achten besonders darauf, dass die Kommunikation zwischen Kreißender / Partner, Hebamme und Geburtshelfer, die die Voraussetzung für ein positives Geburtserlebnis ist, stattfindet und dass gemeinsam alle Anliegen geklärt werden.

 

Alternative Gebärmethoden im Krankenhaus sind möglich, wenn die Orientierung auf folgende Ziele gerichtet ist:

Die Gestaltung der Entbindungsräume ist für eine natürlichere Geburtshilfe sehr wichtig. Dabei spielen bei uns die Beschaffenheit, Farbe und harmonische Abgestimmtheit von Möbeln, Textilien, Wänden, Bildern und Ausleuchtung eine ganz tragende Rolle. In diesem Sinne ist bisher einer unserer vier Kreißsäle bereits komplett umgestaltet worden. Die anderen Räume werden folgen. Für die jedem Bedürfnis gerecht werdende Gebärposition stehen bei uns Gebärhocker, Pezzi-Bälle, Breitbetten, Matten etc. zur Verfügung. Neben unterschiedlichen Gebärpositionen, wie z.B. Hockergeburten im Sitzen, Geburt im Stehen am Seil, im Vierfüßlerstand und anderes mehr, wird die Unterwasserentbindung (Wassergeburt) immer häufiger gewählt. Dabei gestaltet sich der Übergang für das Kind – nämlich vom körperwarmen intrauterinen Fruchtwasser über das angewärmte Badewasser bis an die kühle Luft – sehr sanft und bietet der gebärenden Frau die Entspannung eines warmen Wannenbades während der letzten Phase der Geburt, die in der Regel auch die schmerzhafteste ist.

Seit mehreren Jahren haben wir mit der Wassergeburt Erfahrungen. Sie ist eine Methode im ganzheitlichen Konzept unserer Geburtshilfe – was natürlich nicht mit der Geburt endet, sondern sich im Wochenbett fortsetzt. Auch Aromatherapie, Akupunktur und homöopathische Heilmittel als Ausdruck einer individuellen Betreuung bieten wir mit großem Erfolg an.

Wir haben Rahmenbedingungen hergestellt, die den werdenden Eltern größere Freiräume gewähren (Liberalisierung im Kreißsaal). Die Rolle des Partners als wichtige emotionale Stütze und als Helfer ist im Gegensatz zu früher fest etabliert. War es früher dem Partner verwehrt, bei der Geburt anwesend zu sein, so ist die Abwesenheit heute fast eine Ausnahme. Die zukünftigen Väter werden bereits in Geburtsvorbereitungen bis hin zur richtigen Atemtechnik mit einbezogen. Auch die Anwesenheit des Partners bei der operativen Entbindung durch Kaiserschnitt ist in der Regel selbstverständlich. Im Zentrum steht das Ehepaar als Liebespaar: Das Paar bekommt gemeinsam ein Kind.

Ein Zeichen dieser Entwicklung ist zum Beispiel, dass zunehmend die Väter die Nabelschnur ihrer Kinder selbst durchtrennen.

Es ist uns ein ernstes Anliegen, dem wachsenden Bedürfnis der Eltern nach familienorientierter Geburtshilfe zu entsprechen. Neben der gezielten Stillförderung während des Klinikaufenthaltes haben wir seit zwei Jahren ein so genanntes Stillcafé eingerichtet, das durch eine zertifizierte Kinderschwester unserer Abteilung betreut wird und nach bereits erfolgter Entlassung vielen stillenden Müttern einen gemeinsamen Austausch ihrer Erfahrungen in den ersten Lebensmonaten ihrer Kinder ermöglicht.

Die größtmögliche Sicherheit für Mutter und Kind ist bei all unserem Tun das Ziel unserer Arbeit.

 

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