Medium 19 [Juni 2004]
Der moderne Herzschrittmacher
Dr. med. Djafar Nowzohour
Oberarzt der Abteilung Innere Medizin


Das Herz ist ein höchst leistungsfähiges Organ und bei näherer Betrachtung geradezu ein biologisches Wunderwerk. Es schlägt rund 100.000 Mal am Tag und fast 40 Millionen Mal im Jahr – und hat bei einem siebzigjährigen Menschen bereits drei Milliarden Pumpzüge hinter sich. Dafür besitzt es einen eigenen Impulsgeber, den Sinusknoten, der wie ein Dirigent unablässig den Takt für die Herzfrequenz angibt.

Im Ruhezustand liegt diese Frequenz beim Erwachsenen, je nach Kondition und Alter, zwischen 50 bis 80 Schlägen in der Minute (Ruhefrequenz). Der Sinusknoten wiederum steht unter dem Einfluss des Gehirns bzw. des zentralen Nervensystems sowie der Stress- Hormone wie Adrenalin, Schilddrüsenhormone u. a.

Über bestimmte Leitungsbahnen, vergleichbar mit Kabeln in einem Elektrogerät, wird der Befehl des Sinusknotens in alle Bereiche des Herzens weitergeleitet. Dadurch kann die Muskelkontraktion der vier Herzhöhlen nach einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge ablaufen.

Für den Fall, dass diese Abläufe, die die Evolution in Jahrmillionen hervorgebracht hat, durcheinander geraten oder gar aussetzen, wurde der klassische Herzschrittmacher entwickelt – um durch elektrische Impulse das Herz zur Kontraktion zu bringen und einen plötzlichen Herzstillstand zu verhindern.

 

Was eigentlich ist ein Herzschrittmacher?

Herzschrittmacher sind technische Geräte, die in den Körper implantiert und durch Elektroden mit dem Herz verbunden werden. 1958 wurden dazu erstmalig die technischen Möglichkeiten geschaffen. In den Anfängen ging es dabei mit einfachen Konstruktionen nur um die reine Lebenserhaltung bei bestimmten Krankheitsformen, bei denen die Taktgeberfunktion im Herzen ausgefallen ist. Seitdem hat sich die Technologie der Herzschrittmacher stürmisch entwickelt und besonders in den letzten Jahren von der Computertechnologie und Mikrochipentwicklung profitiert.

Heute sind Schrittmacher Minicomputer mit intelligenter Software. Sie ersetzen nicht nur fehlende Impulse des Herzens, sondern überwachen und speichern die ganze Vielfalt und Komplexität der Herzrhythmusstörungen und ergänzen sie bedarfsweise durch Stimulationen.

 

Wer benötigt einen Herzschrittmacher?

Ungefähr zweieinhalb Millionen Menschen leben weltweit mit einem Herzschrittmacher; in Deutschland sind es etwa 350.000. In den meisten Fällen handelt es sich um über 60 Jahre alte Patienten. Selten sind auch Kinder oder junge Erwachsene auf einen Herzschrittmacher angewiesen. Der typische Herzschrittmacherkandidat hat bereits einen oder mehrere Stürze oder kurze Schwächeanfälle hinter sich. Die Ursache dafür liegt in plötzlich auftretenden kurzen Blockierungen des Sinusknotens oder der darunter liegenden Leitungsbahnen. Die Folge ist das abrupte Aussetzen mehrerer Herzaktionen, das je nach Dauer der Blockierung einen Ohnmachtsbzw. Schwächeanfall hervorruft. Nicht selten erleiden die Patienten schwere Prellungen oder gar Knochenbrüche. Glücklicherweise kommt es aber sofort zu einer Ausschüttung von Adrenalin im Körper, wodurch die Herzaktionen wieder aktiviert werden. Die Patienten erlangen dann relativ rasch das Bewusstsein wieder erinnern sich jedoch nicht an ihren Sturz. Lediglich zehn Prozent dieser Patienten kommen mit einer lebensbedrohlichen Bradykardie (Herzfrequenz unter 40 Schlägen/min) in die Klinik. Hier handelt es sich dann um einen echten Schrittmachernotfall. Der erfahrene Notarzt muss mit so genannten externen Herzschrittmachern Elektroimpulse an das Herz schicken, um die Blockierung zu beseitigen.

In den meisten Fällen wird der Herzschrittmacher die Lebensqualität seines Besitzers verbessern, jedoch nicht unbedingt verlängern. Nicht selten lehnen insbesondere ältere Patienten eine Herzschrittmacherimplantation ab. Sie befürchten, mit dem Herzschrittmacher nicht sterben zu können.

 

Auswahl des richtigen Herzschrittmachers

Beim klassischen Herzschrittmacher unterscheiden wir zwischen einem Einkammer- und einem Zweikammer- Modell.

Der Einkammer-Herzschrittmacher besitzt eine Elektrode, die in den meisten Fällen in die rechte Herzkammer eingeführt wird; der Zweikammer-Herzschrittmacher hat eine zusätzliche Vorhofelektrode. Für unterschiedliche Krankheitsbilder gibt es die passenden Schrittmacher oder Betriebsarten. Hämodynamisch besonders günstig sind Herzschrittmacher, die sowohl Vorhof als auch Kammer mit einbeziehen (DDD), vorausgesetzt, der Patient hat einen eigenen Sinusrhythmus. Ventrikel-Schrittmacher (Einkammer) werden heute noch am häufigsten implantiert (VVI), insbesondere beim so genannten Vorhofflimmern.

Neben dem klassischen Herzschrittmacher gibt es bereits seit Jahren spezielle Herzschrittmacher mit Elektroschockabgabe (AICD). Diese implantierbaren Defibrillator-Herzschrittmacher sind speziell für Patienten mit hohem Risiko für den plötzlichen Herztod entwickelt worden. Diese Patienten leiden unter einer Herzschwäche nach einem oder mehreren Herzinfarkten oder aufgrund anderweitiger Herzmuskelschädigungen. Dabei kommt es auch zu lebensbedrohlichen Formen vom Herzrasen (Kammerflattern oder -flimmern), die ohne sofortige Behandlung mit Elektroschock zum Tode führen.

Der moderne Herzschrittmacher gleicht einem leistungsfähigen Computer. Mit Hilfe spezieller Programmiergeräte kann der Spezialist den Herzschrittmacher auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten einstellen.

 

Die Operation

Der Eingriff findet unter örtlicher Betäubung statt und verläuft für die Patienten ohne größere Beeinträchtigung. An der rechten oder linken Schulter-Brust-Falte ist lediglich ein kurzer (etwa fünf bis acht Zentimeter langer) Hautschnitt nötig. Über eine freigelegte Vene werden die Herzschrittmacherelektroden bis zum Herzen vorgeschoben und in der Herzkammer bzw. Vorkammer plaziert. Das freie Ende der Elektroden kann nun mit dem Herzschrittmacher verbunden werden. Dieser wird danach unter die Haut gelegt und die Wunde verschlossen.

Der eigentliche Eingriff dauert meist weniger als eine Stunde. Der Patient kann nach einer zweistündigen Bettruhe schon wieder aufstehen. Schwere Komplikationen sind bei dieser Operation äußerst selten, in unserer Klinik sind es weniger als ein Prozent. Leichte Komplikationen wie ein kleiner Bluterguss kommen zu fünf Prozent vor.

Je nach Alter und Begleiterkrankungen des Patienten kann für den Eingriff ein Klinikaufenthalt von ein bis drei Tagen in Betracht kommen. Bei jüngeren Patienten wird der Eingriff ambulant durchgeführt.

 

Die Nachsorge

Am Tag nach der Operation wird zur Lagekontrolle des Schrittmachers eine Röntgenaufnahme im Stehen angefertigt und der Herzschrittmacher programmiert. Eine kleine Wunddesinfektion mit Pflasterwechsel kann jeden zweiten Tag auf Wunsch auch beim Hausarzt getätigt werden. Die Fäden sollen am siebenten Tag nach der Operation gezogen werden.

Der Patient bekommt nach der Operation einen Herzschrittmacherausweis ausgehändigt. Diesen soll er stets bei sich tragen.

Herzschrittmacherkontrollen sollten zunächst nach etwa sechs Wochen, dann nach drei Monaten und von da an jedes halbe Jahr durchgeführt werden.

Die Batterie des Schrittmachers hält durchschnittlich etwa sieben Jahre. Ein Batterie- bzw. Aggregatwechsel wird ohne größeren Aufwand stets ambulant in unserer Klinik durchgeführt.

 

Das Leben mit einem Herzschrittmacher

Bis auf wenige Ausnahmen müssen die Träger eines Herzschrittmachers in ihrem Alltagsleben keine Einschränkungen befürchten. Die normalen Haushaltsgeräte können weiterhin bedient werden. Auch das lange gefürchtete Handy kann vom Patienten benutzt werden, allerdings soll es dem Schrittmacher nicht näher als zwanzig Zentimeter kommen – also nie das Handy in der Brusttasche tragen und beim Telefonieren an das gegenüberliegende Ohr halten!

Außerdem sollte sich der Patient nicht in der Nähe von elektromagnetischen Feldern, Starkstromanlagen oder Radarantennen aufhalten.

 

Ihr Ansprechpartner in unserer Klinik

Maria Heimsuchung Caritas-Klinik Pankow ist seit 1982 ein etabliertes Zentrum für Herzschrittmacher im Berliner Norden. Hier werden jährlich mehr als 150 Herzschrittmacher-Operationen durchgeführt. In der Herzambulanz betreuen die Fachärzte u. a. auch Patienten mit Defibrillator-Herzschrittmacher (so genannte AICD-Träger) sowie Patienten mit Dreikammer- Schrittmacher – der bisher modernsten Entwicklung auf diesem Gebiet.

 

Ansprechpartner:

Oberarzt Dr. med. Djafar Nowzohour / Dr. med. Jörg Krimnitz
Tel Hotline 030-47517-337 oder -111
Sekretariat 030-47517-333