Medium 18 [März 2004]


Diabetes mellitus – die Zuckerkrankheit
Eine tickende Zeitbombe

v.l.n.r.

 

Wie werden Diabetiker im Krankenhaus auf eine Operation vorbereitet?

Volker Laag Außer im Notfall ist eine stabile Stoffwechsellage die Voraussetzung für einen operativen Eingriff. Manche Zuckertabletten z. B. Metformin, müssen dann ein bis zwei Tage vorher abgesetzt werden. Bei großen Operationen wird bereits vor der Operation auf Insulin umgestellt.

Was sollte bei einer Umstellung der Diabetestherapie im Krankenhaus beachtet werden?

Volker Laag Oft sind im Krankenhaus Änderungen der Diabetesmedikamente bzw. des Insulins erforderlich, weil eine Anpassung an eine veränderte Situation notwendig geworden ist. Häufig werden auch nur andere Handelspräparate des gleichen Wirkstoffs eingesetzt. In diesem Fall kann der weiter behandelnde Arzt nach der Entlassung wieder auf die vorherige Medikation umstellen. Insbesondere die Insulinpens können meist weiter verwendet werden. Voraussetzung ist allerdings, dass aus Sicherheitsgründen das Insulin und der Pen von derselben Firma stammen müssen.

Stichwort: Ernährung und Diabetes. Liberalisierung der Diät ist das neue Zauberwort. Spielt die Ernährung in der Diabetestherapie nur noch eine untergeordnete Rolle?

Sabine Berßelis Nein, sie ist nach wie vor neben den Medikamenten das wichtigste Standbein der Diabetestherapie! Was sich geändert hat, sind seitens Ernährungswissenschaftler die Anforderungen an unsere Ernährung ganz allgemein – und zwar derart, dass sich die Ernährung des Gesunden von der des Diabetikers im Grunde nicht mehr unterscheidet. Nehmen wir die Hauptnährstoffe Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate. Hier empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ein Verhältnis von 15 Prozent Eiweiß, 30 Prozent Fett und etwa 55 Prozent Kohlenhydrate. – Das bedeutet, über die Hälfte unserer täglichen Nahrungsaufnahme sollten Kohlenhydrate sein, und zwar in komplexer Form, also zuckerarm und ballaststoffreich: Getreideprodukte wie Vollkornbrot, -nudeln, -reis, -getreideflocken, Hülsenfrüchte und fünf Mal am Tag Gemüse und Obst.

Ist Übergewicht wirklich so gefährlich?

Sabine Berßelis Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch sollten in der Balance sein, um einem Übergewicht entgegenzuwirken. Übergewicht spielt eine zentrale Rolle bei der Manifestation des Diabetes (Typ 2) und ist ausschlaggebend für die Entwicklung eines metabolischen Syndroms. Selbst leichte Gewichtsabnahmen haben schon einen positiven Effekt auf die entgleiste Stoffwechsellage.

Hat die alte Berechnungseinheit BE heute ausgedient?

Sabine Berßelis Eine Therapie muss fordern, ohne zu überfordem. Wir können vom Diabetiker und seinem Umfeld nur so viel Verantwortung und Eigeninitiative abverlangen, wie es seinen Möglichkeiten entspricht. Ob eine BE-Verordnung sinnvoll ist, hängt ab vom Therapieregime und von der Fähigkeit des Patienten, sich mit seiner Ernährung auseinanderzusetzen. BE-Verordnungen sind klare Anweisungen und machen die Verteilung der Kohlenhydrate transparent. Sie können im interdisziplinären Bereich, für Angehörige und Betreuungspersonal in Pflegeeinrichtungen oder der häuslichen Pflege eine große Hilfe sein. Aber die Verordnung der BE muss neu überdacht werden.

Wie meinen Sie das, inwiefern neu überdacht?

Sabine Berßelis Die verordneten BE-Zahlen sind oft zu niedrig. Wollen wir den Forderungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung an die Zusammensetzung unserer Nahrung gerecht werden, müssen höhere BE-Zahlen bei gleichbleibender Kalorienzufuhr verordnet werden.

Bedeutet das mehr an Beratung und Aufklärung?

Sabine Berßelis Die Verunsicherung ist oft groß. Es fällt schwer, sich von Althergebrachtem zu lösen, um neues Wissen auch wirklich umzusetzen. Die durchschnittlichen Liegezeiten im Krankenhaus werden immer kürzer. Es ist schwierig, jeden zu erreichen. Ein Weg ist sicherlich, dass die Abteilungen enger zusammenarbeiten müssen. Eine andere Möglichkeit ist gezielte Aufklärung. Mit dem angebotenen Fettpunkteprogramm Punkt um Punkt der Dussmann AG in unserer Klinik wird das Emährungsbewusstsein der Patienten gestärkt. Das wiederum ermöglicht ihnen, eigenverantwortlich ihren Fettkonsum mitzubestimmen. Denn: Kontrollieren wir unseren Fettverzehr, kontrollieren wir einen wichtigen Faktor im Kampf gegen Fehlernährung und Übergewicht.

Wie läuft das im Einzelnen ab?

Sabine Berßelis Das Konzept wurde von Pedus, Dussmann AG, entwickelt und ist ein einfacher Weg, den Fettgehalt der Nahrung transparent zu machen. Jedes angebotene Gericht weist seinen Fettgehalt auf den Speisenplänen aus. Ein Gramm Fett entspricht einem Fettpunkt. Mehr als 70 Gramm Fett, also 70 Fettpunkte am Tag, sollten im Wochenmittel nicht verzehrt werden. Broschüren mit Erläuterungen und Punktesammeltabellen liegen für jeden Patienten in den Zimmern aus. Außerdem können die Patienten auch das Beratungsteam kontaktieren. Die Rufnummer ist auf der letzten Seite in den ausliegenden Speisenplanmappen. Wir hoffen natürlich, dass diese Gesprächsangebote genutzt werden!

Ich danke Ihnen für das Gespräch.