Medium 16 [September 2003]
Harninkontinenz bei Frauen
Operative Therapiekonzepte

Autor: Dr. med. Lothar Karger
Chefarzt der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe
 

 

In meinen Sprechstunden höre ich von den Patientinnen nicht selten, dass sie sich weniger vor einer Krankheit selbst fürchten als davor, ihretwegen allmählich in der Einsamkeit zu landen. Die Harninkontinenz zählt zu solchen Erkrankungen. Die Betroffenen berichten nur sehr ungern über ihre Symptome. Ihre Lebensqualität ist hochgradig eingeschränkt, soziale Isolierung ist eine oft gemachte bittere Erfahrung.

Darum stellt der unfreiwillige Urinabgang ein ernst zu nehmendes hygienisches und soziales Problem für die Betroffenen dar: beim Niesen, Husten, Pressen oder anderen alltäglichen Betätigungen, die mit einer Aktivierung der Bauchpresse einhergehen.

Die Harninkontinenz ist eine der häufigsten Erkrankungen bei Frauen und Männern. In der Bundesrepublik Deutschland leiden nach vorsichtigen Schätzungen über drei Millionen Frauen unter einer Harninkontinenz; etwa zwei Drittel von ihnen sind von einer sogenannten Stress-(Belastungs-)inkontinenz betroffen. Mit steigendem Lebensalter und dem Wunsch nach sich erhaltender Mobilität wird die Krankheit zunehmend in unserem ärztlichen Alltag in Diagnostik und Therapie Berücksichtigung finden müssen. Unsere Abteilung hat eine Sprechstunde eingerichtet, in der Probleme mit der Harnblase und die individuellen Behandlungsmöglichkeiten ausführlich besprochen werden.

Die Harninkontinenz ist kein selbständiges Krankheitsbild, sondern Ausdruck einer funktionellen Störung im physiologischen Zusammenspiel von Füllphase (Reservoirfunktion) und Entleerungsphase (normale Miktion) der Harnblase. Dem klinischen Symptom liegen verschiedene Krankheitsbilder zugrunde. Darum bedarf es vor jeglicher invasiven Therapie (Operation) einer genauen diagnostischen Abklärung, damit unnötige bzw. ohne Therapieerfolg einhergehende Operationen vermieden werden können.

Bei der Harninkontinenz werden verschiedene Formen unterschieden, die jedoch relativ häufig in Mischformen und nicht so isoliert voneinander auftreten wie in der folgenden Aufzählung:

  1. Die Stressinkontinenz ist der unfreiwillige Urinabgang unter körperlicher Belastung, wenn der Blasendruck den Harnröhrendruck übersteigt (bei stabiler Funktion der Harnblasenmuskulatur)
  2. Die Dranginkontinenz ist der Harnverlust bei nicht unterdrückbarem Harndrang
  3. Die Reflexinkontinenz bezeichnet den Harnverlust infolge anormaler Reflexaktivität des Rücken(Spinal)-nervs (neurogene Blase)
  4. Bei der Überlaufinkontinenz übersteigt ungewollt der Blasendruck den Druck des Harnröhrenverschlusses
  5. Die extraurethrale Inkontinenz ist der Urinabgang bei Fisteln u. a.
Stressinkontinenz
  motorische Dranginkontinenz
  obstruktiveÜberlaufinkontinenz


Um die einzelnen Inkontinenzformen unterscheiden zu können, ist eine gezielte Diagnostik nötig, die sich am Leidensdruck und der Therapiebereitschaft der Patientinnen orientieren sollte.


Die notwendige und ergänzende Diagnostik

Unabdingbar sind eine gezielte Beschäftigung mit der Vorgeschichte der Patientin (die aktuelle Einnahme von Medikamenten, die bisherige Therapie sowie eine Infekt- und Sexualanamnese), die gynäkologische Untersuchung einschließlich einer Untersuchung des Beckenbodens; Restharnbestimmung, Urindiagnostik sowie die klinische Untersuchung des Blasenverschlusses bei gefüllter Harnblase.

Zur ggf. näheren Bestimmung der Ursachen für die Harninkontinenz empfehlen sich die gynäkologische Ultraschalluntersuchung (sonographische Techniken mit Erfassung der gestörten Topographie von Harnblase, Harnröhre und Beckenboden), Harnblasendruckmessungen unter Belastung und u. U. die Harnblasenspiegelung bzw. erweiterte Röntgenuntersuchungen.

Die Entscheidung für eine bestimmte diagnostische Maßnahme muss letztendlich den Einzelfall berücksichtigen.

Im Vordergrund der therapeutischen Maßnahmen steht für den Gynäkologen die Stressinkontinenz. Denn falls hier die erprobten Therapien (Physiotherapie, Elektrostimulation, Pessarbehandlung, Hormontherapie) ohne Erfolg sind, wird eine Operation notwendig. Bei der Dranginkontinenz (instabile Blase) wird vor allem die medikamentöse Therapie neben einem so genannten Blasentraining unter Führung eines Miktionstagebuchs angewendet.


Operative Therapiekonzepte

Die operative Therapie der weiblichen Stressinkontinenz zielt auf die Verbesserung des Verschlussmechanismus des Blasenauslasses bzw. der Harnröhre. In den letzten Jahren haben sich die Blasenhalssuspension - als eine von der Bauchdecke vorgehende Operation - und die Harnröhrenschlingen als Eingriff von der Scheide bewährt. Beide Operationen sind heute Standardoperationen, die routinemäßig in der Abteilung durchgeführt werden und ohne weitere Komplikationen für die Patientinnen verlaufen.

Bei der Blasenhalssuspension wird durch eine Operation von der Bauchdecke her indirekt der obere Teil der Harnröhre, der in die Harnblase mündet (Blasenhals), angehoben. Damit ist ein normaler Eintrittswinkel der Harnröhre in die Harnblase mit verbesserter Verschlussfunktion möglich. Diese Operationsmethode gilt heute als erfolgreicher Goldstandard, an dem sich andere Methoden messen lassen müssen.

Bei den spannungsfreien Harnröhrenschlingen (z. B. TVT) wird ein vorgefertigtes Kunststoffband unter die mittlere Harnröhre gelegt. Der Eingriff ist für die Patientin wenig belastend und kann ohne Vollnarkose durchgeführt werden. Auch für ältere Patientinnen mit entsprechender Symptomatik bringt dieser Eingriff keine Probleme. Insofern ist die TVT durchaus eine wirkliche Innovation in der operativen Therapie der weiblichen Stressinkontinenz.

Bei gegebener Indikation und entsprechender Vorbehandlung hat die operative Behandlung der weiblichen Stressinkontinenz Erfolgsraten von bis zu 80 Prozent.
 

glossar  
Anamnese Vorgeschichte der Patientin/des Patienten
Blasenhalssuspension Anhebung des Blasenausganges
Indikation Anzeige einer medizinischen Behandlungsnotwendigkeit
Sonographie Ultraschalluntersuchung
Topographie Beschreibung des Ortes und der Lage einzelner Regionen und Organe
TVT Tension-free Vaginal Tape übersetzt: spannungsfreies Vaginalband