Medium 14 [März 2003]
Zum christlichen Menschenbild
 

In dieser Festausgabe kommen beide Seelsorgerinnen der Klinik zum Thema "christliches Menschenbild" zu Wort. Wie es der Begriff schon verdeutlicht, gibt es kein ausdrücklich evangelisches oder katholisches Menschenbild – sondern ein christliches, das die Mitglieder der verschiedenen christlichen Kirchen gemeinsam vertreten. Und so wollen und können die Beiträge auch keine konfessionellen Unterschiede aufzeigen, sondern sind persönlicher Ausdruck der jeweiligen Seelsorgerin.
 

    Luzia Hömberg
katholische Krankenhausseelsorgerin


Die Basis unserer Arbeit ist das christliche Menschenbild. Jeder Mensch ist ein einmaliges Geschöpf Gottes und hat daher seinen Wert und seine Würde. – Mit diesen Sätzen beginnt das Leitbild unserer Klinik, dass nach einem langen Diskussionsprozess der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im letzten Jahr formuliert worden ist. Anspruchsvolle Sätze, denen zu wünschen ist, dass sie nicht zu leeren Überschriften verkommen. Mein Wunsch ist, dass es uns gelingen möge, sie im Klinikalltag sozusagen durchzubuchstabieren, sie also für die Menschen, die Hilfe suchend hierher kommen, spürbar und erfahrbar werden zu lassen.

Was bedeutet es denn, auf der Basis des christlichen Menschenbildes zu arbeiten? Wir Christen glauben, dass Gott uns in Jesus Christus ein Bild, das Bild vom Menschen gegeben hat. Wir können und sollen uns also einfach daran orientieren, wie Jesus selbst Mensch war, wie er mit Menschen umgegangen ist:

Nein, wir sind nicht Jesus, der all dies in Fülle verwirklichen konnte ... und deswegen gehört für die, die sich an seiner Menschlichkeit orientieren wollen, auch dazu, die persönlichen menschlichen Grenzen zu erkennen und geduldig mit den anderen, aber auch mit uns selbst zu sein. Es geht auch nicht darum, mit mildem Lächeln eine nebulöse Atmosphäre von Nächstenliebe zu verbreiten und die anderen und vor allem uns selbst über die Tiefen und Härten des Mensch-Seins hinwegzutäuschen... Jesu Beispiel ermutigt uns, jedes Menschenleben in seiner Besonderheit, in seiner Geschichte, aber auch in seinen Begrenzungen wertzuschätzen.

"Jesus lehrt, den Mitmenschen realistisch anzusehen, so wie er ist, und ihn dennoch in der Perspektive seiner Möglichkeiten, das heißt in Hoffnung zu sehen." – So hat Kurt Marti, zeitgenössischer Pfarrer und Dichter, es einmal ausgedrückt.

Im Krankenhaus den Menschen, die dort Hilfe suchen, mit einem christlichen Menschenbild in Kopf und Herz zu begegnen, heißt, sie in ihrer Individualität und ihrer ganz persönlichen Bedürftigkeit wahrzunehmen und zu unterstützen. Sie zu sehen als ganze Menschen, nicht nur als Symptomträger, die es zu behandeln und möglichst effizient und kostensparend zu verwalten gilt.

Das christliche Menschenbild widerspricht einem Bild vom Menschen, das dominiert wird von der Faszination am technisch Machbaren einerseits und der Priorität der Kosteneffizienz und Profitmaximierung andererseits, wie es sich leider auch in der medizinischen Forschung und Praxis finden lässt.

Es bedeutet, jedem Leben seine Würde, seinen Weg zu lassen, den Kleinen, auch den noch Ungeborenen, und denen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind. Es bedeutet, Achtung zu haben auch vor dem verstorbenen Menschen.
 

    Gabriele Weiß
evangelische Krankenhausseelsorgerin

 
Ich möchte der Frage nachgehen: "Unterscheidet sich ein christliches Menschenbild von anderen – z. B. von einem humanistischen Menschenbild?" Und ich beantworte diese Frage mit einem eindeutigen Ja. Die grundsätzliche Unterscheidung liegt darin, dass das christliche Menschenbild auf der Gottesbeziehung des Menschen basiert. Das Leben wird als Gabe Gottes begriffen – und damit als nicht machbar, nicht herstellbar, nicht verfügbar.

Der Mensch ist einmaliges Geschöpf Gottes und bleibt daher bei aller Möglichkeit zu seiner "Durchleuchtung", bei allem medizinisch, psychologisch, philosophisch und theologisch angewandten Wissen, ihn verstehen zu wollen, letztendlich ein Geheimnis – als nicht ergründbar. Das christliche Menschenbild sieht den Menschen realistisch in seinen Möglichkeiten und seinen Grenzen, in der Spannung zwischen Macht und Ohnmacht, in der er sich bewegt. Es erkennt den Menschen als verletzbar, dem Tod ausgesetzt und angewiesen auf Hilfe und Mitmenschlichkeit. Es würdigt zugleich die wunderbaren Talente, die ein Mensch hat, seine Einmaligkeit, Unvergleichbarkeit und Originalität. Seine Möglichkeiten zu Erfindungen, Forschungen, Weiterentwicklungen, seine Gestaltungs- und Ausdruckskraft, seine Tatkraft, die wunderbare Werke erschafft. Das christliche Menschenbild würdigt alle Erscheinungsformen des menschlichen Lebens als Abbild Gottes – als von Gott gewollt und von ihm geliebt. Auf dieser Basis wird jedes "Auswählen" nach irgendwelchen Maßstäben, die willkürlich unterscheiden zwischen "lebenswert" oder "unwertem" Leben, abgelehnt. Das bezieht sich auf die Formen von "Euthanasie", wie sie als Morde an Behinderten im Dritten Reich praktiziert wurden, ebenso wie auf Formen von aktiver Sterbehilfe oder Bestrebungen, am Beginn des Lebens auszuwählen, wie Kinder "nach Maß" von Eltern oder Gesellschaft gewünscht werden.

Das christliche Menschenbild definiert den Menschen nicht über seine Leistung oder Leistungsfähigkeit – also nicht über den Nutzen. Das Leben als Gabe Gottes ist Wert und Würde an sich und muss nicht erst verdient werden. Christen glauben, dass Gott seinen ganz eigenen Weg mit jedem einzelnen Menschen geht. Dass die Selbstbestimmung und Selbstbehauptung des Menschen nicht der letzte Maßstab für sein Handeln ist, sondern dass sein Leben und seine Entwicklung von daher bestimmt wird, dass er Gott sein Leben verdankt und von ihm gewollt und geliebt wird.

Das schließt ein Bewusstsein für Grenzen ein, die im Menschsein gegeben sind. Im christlichen Menschenbild gibt es von daher eine Unterscheidung zwischen dem, was machbar ist, und einer ethischen Grenzziehung, die sich der Machbarkeit verweigert. So wird das christliche Menschenbild zu einem wichtigen Korrektiv, z. B. wenn es um ungebremste Forschung geht, um Manipulationen am Lebensanfang und Lebensende, um Zerstörung von Lebensräumen für Mensch und Tier, für maßlose Ausbeutung von Ressourcen usw.

Das christliche Menschenbild deckt Größenwahn auf: wenn der Mensch sein will wie Gott. Der christliche Widerstand ist von daher oft unpopulär und muss mutig Zeitströmungen und Zeitmeinungen widerstehen.

Vieles in unserer Gesellschaft wird vom Nutzen her definiert – von dem: "Es muss sich rechnen". Dieses Denken wird vom christlichen Menschenbild radikal in Frage gestellt. Die Definitionen des Marktes sind andere. Da werden die Schwachen immer mehr an den Rand gedrückt oder fallen ganz durch das "soziale Netz". Das christliche Menschenbild ist eigentlich eine große Provokation, denn es setzt beim Schwachen an. Bei dem, der Hilfe braucht und sich nicht selbst helfen kann. Das christliche Menschenbild motiviert von daher neben der konkreten Hilfe auch zum politischen Bewusstsein und Handeln.

Eigentlich heißt "den Menschen menschlich behandeln" nach dem christlichen Menschenbild: Gott die Ehre zu geben, Gott den Schöpfer des Lebens zu ehren. Beim christlichen Menschenbild steht nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern Gott. Als Symbol dafür steht die in der Mitte unserer Klinik liegenden Kapelle. Aus der Mitte der Gottesbeziehung heraus, dem geistlichen Zentrum, gestaltet sich alles Handeln und Behandeln in einem christlichen Krankenhaus. Und alles Handeln und Behandeln ist auf diese Mitte ausgerichtet. Denn Christen glauben: In jedem Mitmenschen begegnen wir Gott.